[Ihr Stoma-Ratgeber "Medikamente"]
Liebe Patientin, lieber Patient,
nach einer Stomaanlage ist der Darm verkürzt und einige Medikamente können so nicht mehr ihre komplette Wirkung entfachen.
Stomaträgerinnen und Stomaträger sollten daher genau die Wirksamkeit der eingenommenen Medikamente im Blick haben.
Wie gelangen Arzneimittel an ihren Wirkort?
Medikamente werden zum Beispiel als Tabletten oder Kapseln über den Mund eingenommen. Im Magen-Darm-Trakt lösen sie sich auf. Die Wirkstoffe werden anschließend über die Darmschleimhaut in den Blutkreislauf aufgenommen und zu dem Ort transportiert, an dem sie wirken sollen.
Das kann bei einer Stomaanlage anders sein.
Bei einem Stoma ist der Verdauungstrakt verkürzt, wodurch die Fläche der Darmschleimhaut kleiner ist. Dadurch können weniger Wirkstoffe aus dem Darm ins Blut aufgenommen werden und ihr vorgesehener Wirkort wird unter Umständen nicht in ausreichender Menge erreicht.
Der Dünndarm - ein zentraler Ort.
Der wichtigste Ort für die Aufnahme (Resorption) von oral, also über den Mund eingenommenen Arzneistoffen, ist der Dünndarm. Wird dieser durch eine Stomaanlage verkürzt, kann die Aufnahme der Wirkstoffe beeinträchtigt sein. Wie stark sich dies auswirkt, hängt vor allem davon ab, wie viel Dünndarm noch vorhanden ist und wie bzw. wo das Medikament seinen Wirkstoff freisetzt. Die Voraussetzung für eine Aufnahme und Wirkung des Arzneistoffes ist, das es in gelöster Form am Wirkort ist.
Da stimmt doch was nicht – woran merke ich, dass Medikamente nicht richtig wirken?
- Tablette oder Kapsel ist im Beutel sichtbar (besonders bei Retard- oder magensaftresistenten Tabletten)
- Beschwerden bessern sich nicht oder sind schneller zurück
- Kürzere Wirkdauer als bisher
- Werte bei chronischen Erkrankungen verschlechtern sich (z. B. Blutdruck, Blutzucker, Schmerzen…)
Was mach ich jetzt ?
- Kann ich erkennen, um Welches Medikament es sich handelt (Kontrolle des Stomabeutels)?
- Überprüfen Sie die Wirkung, indem Sie die entsprechenden Körperwerte kontrollieren (z.B. Blutdruckmessung oder die Messung des Blutzuckerspiegels.
- Ist es ein neues Medikament?
- Kommt es häufiger vor?
Sollten Sie hier Abweichungen feststellen, informieren Sie umgehend Ihre behandelnde Ärztin oder Ihren behandelnden Arzt und Ihre Stomatherapeuten.
Achtung: Vitamin-B12-Mangel bei einer Ileostomie
Vitamin B12 wird im letzten Abschnitt des Dünndarms, dem Ileum, aufgenommen. Bei vielen Menschen mit einem Ileostoma erreicht die Nahrung diesen Abschnitt jedoch nicht mehr oder nur eingeschränkt.
Dadurch kann Vitamin B12 über die Ernährung nur noch unzureichend oder gar nicht aufgenommen werden. Die Folge kann ein Vitamin-B12-Mangel sein.
Mögliche Symptome bei einem Vitamin-B12-Mangel können sein:
- Sensibilitätsstörungen bis hin zu Lähmungen
- Brennende oder entzündete Zunge
- Kribbeln in Armen, Beinen und Füßen
- Gangunsicherheit und erhöhte Sturzneigung
- Muskelschwäche
- Müdigkeit und Erschöpfung
- Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
- Kopfschmerzen
- Depression
- Gereiztheit
- Verwirrtheit
- Blutarmut (Anämie)
Unsere Empfehlung: Betroffene mit einem Ileostoma sollten ihre Blutwerte regelmäßig – etwa alle sechs Monate – kontrollieren lassen, um einen möglichen Mangel frühzeitig zu erkennen.
Sprechen Sie dieses Thema aktiv bei Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt an.
Sicherheit geht vor!
Wenden Sie sich bei Unsicherheiten zur Einnahme oder Wirkweise Ihrer Medikamente sowie bei einer Medikamentenänderung an Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder auch an Ihre Stomatherapeuten oder Ihre Apotheke vor Ort.
Wo kann ich mehr über Arzneiformen erfahren?
Bitte lesen Sie immer den Beipackzettel. Hier sind alle notwendigen Informationen zu der Arzneiform, der Wirkung und ggf. unerwünschter Nebenwirkungen aufgeführt.
Hilfestellung zu verschiedenen Arzneiformen und Abkürzungen
Medikamente, die schnell wirken. Der Wirkstoff ist in löslicher Form schnell verfügbar:
- Tropfen
- Säfte & Lösungen
- Suspension
- Brausetabletten
- Pulver/Granulat
- Bukkaltabletten
- Schmelztabletten
- Sublingualtabletten (unter Zunge auflösen)
- Zerbeißkapseln
Medikamente, die normal wirken. Der Wirkstoff ist anfänglich nicht gelöst und so kann bei der Aufnahme zu Problemen kommen:
- Dragees
- Kapseln
- (Film)-Tabletten
- Hartkapseln
- nicht überzogene Tabletten
Medikamente, die verändert wirken: Die Wirkung ist nicht gesichert, da es zu einer verzögerten Wirkstoffaufnahme kommen kann:
- Retardtabletten, -kapseln, -granulat
- Magensaftresistente Tabletten
- Pellets
Bei dieser Arzneiform wird der Wirkstoff über einen längeren Zeitraum und verzögert freigegen. Dazu verweilt er über eine längere Zeit im Darm, dadurch kann die Aufnahme möglicherweise stark beeinträchtigt sein.
Wichtige Abkürzungen für Retardpräparate sind:
- ret, retard (retardiert / verzögert)
- prolong, long (pro-, longiert / verzögert)
- mups (multi unit pellet system) / PP (push pull)
- ZOK (Zero Order Kinetik) / NK (Nullte Kinetik)
- SR (slow release) / SL (schnell langsam)
Wichtige Information für Frauen: Bei einer verkürzten Darmpassagezeit ist die Wirksamkeit der Antibabypille nicht gewährleistet. Um sicher zu verhüten, sollten Sie andere Optionen in Betracht ziehen.
Was Männer Wissen sollten: Die Folgen von Erkrankungen und Operationen im Anal- und Beckenbereich können schwerwiegend sein und eine Erektion beinträchtigen. Hier ist die Einnahme von Potenzmitteln eine mögliche Option um die Sexualität wieder ohne Einschränkungen ausleben zu können. Halten Sie in jedem Fall Rücksprache mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin, bevor Sie die "Plaue Pille" nehmen.
Vitamine und Mineralstoffpräparate: Eine vielseitige Ernährung deckt den täglichen Bedarf an Mikronährstoffen normalerweise vollständig ab. Die Supplementierung von Vitaminen und Mineralstoffen wird daher nur beim Vorliegen eines medizinisch nachgewiesenen Mangels empfohlen.
Welche allgemeinen Einnahmehinweise gibt es?
- Medikamente mit ausreichend Flüssigkeit (mind. 100ml) einnehmen
- In aufrechter Position
- Auf die Einnahmehinweise des einzelnen Medikamentes achten (Packungsbeilage)
- Wichtiger Hinweis: Retardpräparate dürfen in der Regel nicht geteilt oder zerkleinert werden, da sonst der gesamte Wirkstoff einmal freigesetzt wird (Dosis-Dumping)
Was bedeuten die vorgegebenen Zeitangaben?
- Nüchtern: 1 Stunde vor oder frühestens 2 Stunden nach einer Mahlzeit
- Vor dem Essen: 30 Minuten vor der Mahlzeit
- Nach dem Essen: 30 Minuten bis 1 Stunde nach der Mahlzeit
- Zum Essen: Während bzw. bis zu 5 Minuten nach der Mahlzeit
Der Ratgeber ist am 30.03.2026 erschienen. Unsere Autoren sind
Josef Dumpler